Steilpass Teil 7: Nachdenklich

Der Besuch bei der SG Pirmasens und vor allem der Bericht danach machte mich nachdenklich. Klar, der Fussball hat sich gewandelt. Bis in die untersten Klassen wird bereits Geld bezahlt. Nur wer einen Investor oder großzügigen Gönner hat, kann da noch mithalten. Schon etwas gerührt war ich da, als die Verantwortlichen der SG Pirmasens mir erzählten, dass sie stolz darauf sind, nie personell bedingt abgemeldet zu haben. Klar, diese Rührseligkeit im Bezug auf Fussball ist vielleicht etwas übertrieben und es gibt durchaus wichtigere Dinge im Leben, als die Aufrechterhaltung des Spielbetriebes. Aber der Fussball gab mir Mitte der 90er Jahre bis heute so viel Halt und positive Erinnerungen, dass mir einfach ein Anliegen ist, hier Stellung zu beziehen. Beim Spiel SG Pirmasens gegen MTV Pirmasens trafen zwei Vereine aufeinander, die zusammen weit mehr als 250 Jahre Vereinsgeschichte repräsentieren. Viele Generationen, die sich hier kennenlernten, Zusammenhalt lebten, Vorbilder waren und die Tradition zu dem machten, was heute die Fussballnostalgiker und Ultras so preisen. Dabei prostituieren sich die ehemaligen Traditionsvereine, die im oberklassigen Fussball versuchen Anschluss zu halten immer weiter. Der normale Fan, der jeden Tag stempelt und sich abrackert, Urlaub nimmt und zu jedem Spiel fährt, während halbgare Fussballer die „dicke Kohle“ machen, ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht, all derer, die den Fussball zu dem machen, was er heute nur noch an der Basis ist.

Besonders wird mir Louis in Erinnerung bleiben. Er klinkte sich vor dem Abpfiff aus unserem Gespräch aus, da er die Eckfahnen kurz nach Spielbeginn abbauen musste. Dabei war er bereits Kassierer, Motivator, Schalverkäufer und stolzer Bericherstatter der SGP-Geschichte gewesen. Genau wegen Menschen, wie Louis liebe ich den Fussball an der Basis, fahre Hunderte von Kilometern nur um ein C-Klasse-Spiel zu sehen. Es sind diese Menschen und diese Kontakte, die den Fussball so besonders machen. Genau wegen diesen Menschen würde ich in der C-Klasse auch Eintrittspreise wie in der Bundesliga bezahlen. Es ist traurig, dass die Traditionsvereine so kämpfen müssen. Klar, nicht jede Kommune ist auf Rosen gebettet und kann jeden Verein angemessen unterstützen. Daher liegt es an jedem Bürger selbst, der fussballinteressiert ist, seine lokalen Kicker zu unterstützen und sich ab und zu alleine, mit Freunden oder Familie auf dem Sportplatz blicken zu lassen und ein paar Euro da zulassen. Denn dort kommt das Geld wirklich bei den Helden des Alltags an, die Jugendlichen eine Heimat bieten und auch den schwächeren der Gesellschaft eine gewisse Würde verleihen. Im großen Stadion seit ihr ein Teil von Vielen. Im Kleinen kann man etwas erreichen. Wie stolz wäre Louis, wenn mal wieder ein paar Zuschauer zu einem Spiel kämen. Es müssen nicht gleich 3000 sein, wie damals gegen den FK Clausen, doch was spräche dagegen?! Zumal es doch auch in der Relegation machbar ist. Vor etwas mehr als einem Jahr, war ich im gleichen Landkreis zu mehreren Relegationsspielen. Da war der Bundesligafussball längst in die Sommerpause verabschiedet und schon trieben sich mehrere Hundert Zuschauer auf den Rängen herum. Ob in Thaleischweiler, die gut 500 Besucher hatten, oder auch die 450, die das Finale um den B-Klassen-Aufstieg in Landstuhl sehen wollten. Und dort hatten beide Seite sogar Pyrotechnik und choreografische Elemente mitgebracht. Was für ein Erlebnis muss das für die Amateurkicker gewesen sein, die theoretisch eure Pakete an die Türen bringen, die eure Brötchen backen oder in der Schule eure Kinder unterrichten. Wer braucht denn da schon Stars, die so unnahbar sind, dass man Ihnen auf Twitter oder Instagram folgen muss.

Warum spielen Vereine wie Borussia Neunkirchen, die SG Pirmasens, Eintracht Trier, der VfR Speyer und wie sie alle heißen, die irgendwann einmal in Rheinland-Pfalz und im Saarland regional und überregional mitmischten und die Massen anzogen vor gerade mal 20-200 Zuschauern?! Ist es ihre Vergangenheit nicht wert, dass man sie mal ab und an besucht, zumal wenn sie vor der Haustür liegen?! Support your local club, war mal eine Floskel, die in aller Munde, aber heute wieder sträflich vernachlässigt wird. In jedem Verein kann man Menschen wie Louis treffen, die für ihren Verein brennen, die seit mehr als 30 Jahren Mitglied sind, erst als Aktive, dann als gute Seele, die ihre Erfahrungen mit allen Teilen. Insofern sollte es aus meiner Sicht nur einen Tag am Wochenende geben, an dem die angeblichen Stars ihre Bühne aber. Der Sonntag dafür sollte den Amateuren und wirklich ehrlichen Kickern gehören. Ein Erlebnis für die ganze Familie. Wie schön war der Besuch 2018 beim Kurdischen SV Düren, die in der Kreisliga vor 250 Zuschauern spielten und die ganze Familie dabei war. Egal ob jung oder alt, alle waren einfach da und genossen ein gemütliches Beisammen sein. Ich erinnere mich gut, dass die Jungs am Eingangsbereich erstaunt und stolz zu gleich waren, als jemand von weiter weg ihren Verein besuchte und einen Schal kaufte. Und ich könnte weitere Beispiele aufzählen, wie den VfB Wissen zum Beispiel. Gerade in puncto Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber Interessierten einer der besten Vereine, die ich je besucht habe! Wir sollten das Kulturgut, was Völker verbindet – egal ob sie die gleiche Sprache sprechen – einfach mehr zu schätzen wissen und es nicht blind dem großen Kapital überlassen! Reclaim the game – holt euch das Spiel zurück! Und besucht die kleinen Vereinen!

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